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Open Sky
Ausstellung mit Arbeiten von Joachim Kersten
in der
Sparkasse Haßfurt
Vernissage am 15. Juni 2010, 19 Uhr
Für diese Ausstellung unter dem Titel „Open Sky“ hat Joachim Kersten Arbeiten aus verschiedenen Werkzyklen der letzten acht Jahre zusammengestellt, großformatige Leinwände und eine Reihe von kleineren Papierarbeiten, darunter auch einige aus jüngster Zeit, die in Fort Worth in Texas entstanden sind, wo der Maler abwechselnd mit Nürnberg seit einigen Jahren wohnt und arbeitet. Hier lässt sich also besichtigen, wo Kersten auf seiner Reise zu den Sternen angelangt ist. Und wir können überprüfen, inwieweit sich „Open Sky“ als Leitbegriff eines freien, künstlerischen Selbstverständnisses lesen lässt, das mit gelinder Hybris an nichts weniger als am offenen Himmel Maß zu nehmen gewillt ist.
Versuchen wir uns diesen Arbeiten zunächst einmal schlicht re-gistrierend zu nähern.
Der allererste Eindruck, den sie hervorrufen, ist noch allemal der einer überaus vitalen Farbigkeit, ja einer opulenten Farbenpracht. Virtuose Akkorde aus Gelb-, Orange- und Rottönen dominieren viele Arbeiten in immer neuen Brechungen und Variationen, dazwischen flammt hier ein irisierendes Grün, dort ein kantig auftrotzendes Nachtblau auf, verschiedentlich schwimmt uns ein mal teeriges, mal glasiges Schellack-Braun entgegen.
So kraftvoll und energisch sie auch alle daherzukommen scheinen, diese Farben, so feinst gewebt, ja geradezu fragil und skrupulös sind sie doch en detail zusammengesetzt, als ginge es darum, in ihnen immer auch zugleich ihren colorischen Widerpart oder gleich die ganze komplexe Vielfalt ihrer kombinatorischen Möglichkeiten anklingen zu lassen, sie gewissermaßen sicht- und nachvollziehbar auf mögliche Resonanzfelder hin abzuklopfen, bis sich vor den kritischen Augen des Malers schlussendlich der einzig stimmige Farbakkord einstellt.
Wer die Bilder im Original vor Augen hat, ist eindeutig im Vorteil. Er kann näher herantreten, seine Nase tief in die Bilder stecken und dabei erkennen, dass all diese Farbflächen alles andere als homogen sind. Kein Farbton lebt, existiert und leuchtet hier nur aus sich selbst, alles changiert in fein nuancierten Ab- und Kontertönungen, in multiplen Schichtungen und Untermischungen, die gelegentlich noch einen ausholenden Pinselgestus erkennen lassen, weitaus häufiger aber Zeugnis ablegen für das geduldige Wechselspiel aus wiederholtem Auftragen und Wegnehmen, Verstärken und Abschwächen, aus dem heraus Joachim Kersten in konzentrierter, stratigraphischer,gewissermaßen kontra-archäologischer Arbeit seine Farblandschaften entwickelt. Diese Arbeitsweise hinterlässt ihre Spuren und ihre subtilen Wirkungen. Hier ist Zeit im sprich-wörtlichen wie im übertragenen Sinne in eine Tiefe des Raumes transformiert, aus der es gerne einmal wie von ferne konträrsuggestiv schimmert.
Wenn man ohnehin nahegekommen ist, lohnt sich ein Blick auf ein weiteres Charakteristikum
Kerstenscher Malerei: Den plastisch präparierten Untergrund, auf dem sich
alles Farbenspiel ereignet. Joachim Kersten bindet Strahlsand mit Acryl und bringt
damit noch vor dem Farbauftrag flache Landschaftsreliefs auf seinen Leinwänden auf,
denen er, wenn es ihm dann doch zu bunt wird, auch einmal mit der Flex wieder verdünnisierend
zu Leibe rückt, um anschließend bei Bedarf dann doch eine zweite oder
auch noch eine dritte Lage aufzutragen. So entsteht ein handgreiflicher, konkreter
Plafond, der vielfache und ganz widersprüchliche Wirkung zeigt. Er verfängt und verortet
die lichte Räumlichkeit der Bilder, er untermauert und unterputzt sie grundsolide
und durchdringt sie zugleich leichthin, er rauht die Bilder vitalisierend auf und bringt
leichter Hand eine – malerisch motivierte – zusätzliche Dimension ins Bild, die, je nach
Lichteinfall, die Bilder, ihre Stofflichkeit und den Grad ihrer Transluzenz dramatisch
verändert. Licht- und Schattenverläufe, Wechsel aus groben und feinen Konturen heben
und dämpfen Bildbereiche und setzen dabei ganz eigenwillige, stets neue Akzente
in die farbigen Landschaften. Sie begrenzen den Bildraum in der Tiefe, brechen ihn
zugleich durchdringend auf und formen ihn dabei um. Sie akzentuieren einerseits jede
winzige Parzelle und sorgen gleichzeitig in der großen Fläche für ebenmäßigen Halt
und Grund.
Ein Weiteres sei erwähnt: Das Wechselspiel von spiegelglänzenden und stumpfen, planen und erhabenen, verschiedentlich wie von beißender Säure erodierten Figuren, das Kersten mit einer speziellen Verarbeitung diverser Schellack-Harze in seine Werke einfügt. Auch sie multiplizieren die Bildwirkung. Wo eben aus der Ferne noch ein bestimmtes Muster aus Lichtreflexen vorherrscht, leuchtet schon zwei Schritte weiter ein ganz anderes auf und verändert so den gesamten Bildeindruck.
Joachim Kersten versteht es, die Ausbeutung aller verfügbaren malerischen Mittel ebenso subtil wie konsequent auf die Spitze zu treiben. Hier feuert Malerei aus allen Rohren. Diese Arbeiten in nur einem Licht, nur aus einem Blickwinkel gesehen zu haben, heißt daher schlicht, sie nicht gesehen zu haben. Jeder Fotograf verzweifelt an dieser Multiperspektivik der Kerstenschen Malerei. Daher nochmals: Wer das Glück hat, Originale vor die Augen zu bekommen, mache davon rege Gebrauch.
All das, was wir bislang isolierend betrachtet haben, Farben, Texturen, Profilierungen, unterliegt in Joachim Kerstens Malerei nun ganz offenkundig einem auf elementare Grundprinzipien zurückgreifenden, diese aber vielfältig variierenden Raumplan, einer klaren, inneren Ordnung. Der wohlbedacht geteilte, oftmals streifig vertikal oder horizontal geschichtete Bildraum, die dabei häufig anzutreffende Hell-Dunkel-Kontrapunktik, die mal quer, mal hochkant, mal herrisch, mal filigran ins Bild ragenden Balken, Streben und Linien, die häufig schroff, manchmal auch verschwimmend gegeneinander gesetzten Flächen (aus Farbe und Oberflächentextur gleichermaßen gewonnen), auch das Spiel mit extremen oder mehrteiligen Formaten – das alles sind bestimmende Konstruktionsprinzipien in der Malerei Joachim Kerstens. Schlichte Gebäudeschemata gibt es freilich nicht. Die konstruktive Ordnung dient auch nirgends nur sich selbst, sondern stets übergeordneten malerischen Zwecken, der Aufladung der Bilder mit einer vitalen inneren Spannung, der Verräumlichung und Verlebendigung des Bildgeschehens. „Pulsieren statt Konstruktion, Farbklang statt Addition“ hat Joachim Kersten in seinem Skizzenbuch dazu notiert und damit das für ihn Wesentliche knapp benannt.
In diese fein gefügten virtuellen Räume, die Kersten mit anscheindend nie erlahmender Kraft wieder und wieder (und dabei immer neu) erbaut, sind verschiedentlich Figuren gestellt, wie frei schwebende Organismen in sie hineinverwoben oder aus ihnen erwachsend, „Arabesken“ gleich (um einen einst gern von ihm verwendeten Titelterminus zu benutzen), Bruchstücke womöglich floraler oder botanischer Provenienz, manchmal in geradezu körperlicher Andeutung, die, ohne die Bilder ernsthaft zu vergegenständlichen, doch als Reminiszenzen an eine äußere Natur lesbar sind, Haltepunkte für das streifende Auge, ein anamnestischer Widerschein einer dinghaften Außenwelt, doch dabei stets vorrangig von ihrer formalen Qualität im Bildganzen bestimmt. Im dem mit „Labyrinthe“ überschriebenen Werkzyklus erscheinen runde Figuren in gedrängten Scharen und vielgestaltigen Aufzügen. Es sind hier durchweg aus der prinzipiellen Grundform von Kreis und Oval entwickelte, zu eingedellten Tropfen, Amphoren, Gefäßen permutierende Gebilde, die Kersten vor uns ausbreitet wie pretiöse, um nicht zu sagen kapriziöse, womöglich sogar maligne, jedenfalls mit einem verstörenden Eigenleben ausgestattete Archivalien, wie unter dem Mikroskop aus ihrer winzigen, fremden Welt ins durchscheinende Licht gezerrte zelluläre Organismen. Sie interagieren im diffusen Raum, frei neben-, hinter- und gegeneinander, manchmal auch durch Linien wie in einem fahle Sicherheiten spendenden Flussdiagramm in einer haltlos-hilflos scheinenden Ordnung aneinander gekettet – oder wäre es zutreffender, mit Blick auf den offenen Himmel von pulsierenden meteoritischen Himmelskörpern zu reden, Brocken aus Eis und Stein, die kalt und majestätisch ihre Bahnen ziehen?
Wie dem auch sei: In seinen besten Arbeiten gelingt es Joachim Kersten mühelos, einen Grad an malerischer Differenziertheit, Verlebendigung und Verdichtung zu erreichen, der es dem Betrachter gestattet, in ihnen in einem Moment höchst konzentrierter Wahrnehmung zu verweilen und von ihnen aus zu immer wieder neuen Aus- und Einblicken zu gelangen. Wenn man weiß, dass hochmittelalterliche Malerei und Illuminatorenkunst einer der speisenden Fixsterne am Kerstenschen Malerhimmel ist, so wird man nicht fehlgehen, in seinen bei aller Abstraktion hoch emotionalen und, wie ich persönlich finde, ausgesprochen (innen)welthaltigen Arbeiten säkulare Andachtsbilder zu sehen. Andacht, einmal ganz ohne religiösen Beigeschmack genommen, also attentio – die geistige Sammlung auf einen Gegenstand hin – wäre demnach auch der einzig richtige Modus, um ihnen zu begegnen. Diese Bilder wollen geduldig ergangen und ersehen sein. Sie lassen sich nicht im Vorübergehen erfassen und schon gar nicht erschöpfen. Am besten sollte man mit ihnen leben.
Dr. Hans-Jürgen Stahl, Kist
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Suzanne Deats
Fort Worth, TX, März 2007
Joachim Kersten
Menschen verändern sich täglich, wenn nicht von Minute zu Minute. Ein Bild hingegen bleibt nach seiner Fertigstellung unverändert. Die Gemälde von Joachim Kersten aber sind so komplex, interaktiv und subtil, daß auch ein sorgfältiger Beobachter meint vor neuen Bildern zu stehen, wenn er sie wieder betrachtet, sei es nach wenigen Augenblicken oder Jahre später. Mit jeder Veränderung der Perspektive nach rechts oder links ergeben sich neue Lichteffekte. Zunächst unbeachtete Aspekte und Details, sogar ganze Formen schleichen sich unerwartet ins Blickfeld. Der Künstler widmet jedem Bild viel Zeit und schafft so ein Kunstwerk, daß langes intensives Betrachten belohnt.
Kersten ist ein aufmerksamer Beobachter der Natur, aber das äußere Erscheinungsbild seiner Werke läßt davon nichts ahnen. Stattdessen durchdringt er die Oberfläche und erfaßt die innere Beschaffenheit von Natur. Seine Gemälde haben, wie ein sprudelnder Gebirgsbach, eine reflektierende Oberfläche, die den Blick in leuchtende Tiefen lenkt. Farben laufen zusammen wie scheckiges Licht das durch Baumkronen fällt. Kreisförmige Gebilde lassen an Regentropfen oder Sonnenflecken denken, an Donnerhall oder das regelmäßige Klopfen des Herzschlages. Das konstante Zusammenspiel von Licht und Schatten, Mikro- und Makrokosmos, ruft zugleich subatomare Strukturen und Galaxien hervor. Kontrast und Widerspruch schaffen emotionale Intensität; enorme Wechsel im Format der Bilder, von mitreißenden, wandgroßen Leinwänden zu eher intimen Arbeiten, hält den Geist des Betrachters in Bewegung.
Wie das Werden, Vergehen und Erneuern der Natur ist auch das Werk von Kersten angelegt. In dicken und dünnen Schichten präpariert er jede Leinwand zunächst mit einer rauhen, geologischen Oberfläche aus Spachtelmasse und Putz. Auf diese organische Komposition folgen Schichten von Acrylfarbe und Schellack, die Raum und Tiefe schaffen. Schleier leuchtender Pinselstriche, Lage auf Lage, die winddurchtoste Wüsten oder vom Sonnenlicht glänzende Ozeane erahnen lassen.
Er improvisiert intuitiv und vernachlässigt zeitweise das ursprüngliche Motiv, so daß etwa eine Scheibe transparenter Farbe eine kreisförmige Figur mit grober Oberfläche überlagert, aber nicht gänzlich überdeckt. Diese Koppelung erinnert an die Musterung einer Muschel oder ein Fragment von Bernstein. Es imitiert den Effekt eines Nachbildes auf der Netzhaut und kann zu- und abnehmen wie der Mond.
Kersten teilt seine Zeit auf zwischen Fort Worth, Texas und seiner Heimatstadt Nürnberg, wo ihm bereits mehrere Auszeichnungen verliehen wurden. Eine Einladung des Museums der Stadt Schweinfurt inspirierte ihn zu einer Serie von fünf Ausstellungen mit dem Titel Digitalis Purpurea . Die erste Ausstellung in der Halle des Schweinfurter Rathauses aus dem 16.Jahrhundert verband perfekt zeitgenössische Kunst mit historischer Architektur. Nachfolgende Ausstellungen wandern nun zu weiteren deutschen und amerikanischen Museen und Galerien, unter anderem die aktuelle Ausstellung bei William Campbell Contemporary Art in Fort Worth.
Kersten behält eine lebenslange Beziehung zu jedem seiner Kunstwerke. „Ich kann mich nicht immer an alle Umstände erinnern, als ich ein bestimmtes Bild gemalt habe“, sagt er, „aber wenn ich es Jahre später erneut sehe, berührt es mich wieder. Darauf freue ich mich. Ich will wieder überrascht werden, wie ich es das erste Mal wurde. Es scheint, als wäre immer noch mehr da.“
Übersetzung aus dem Englischen: Sarah Kersten
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„Malen heißt nicht Welt erklären, sondern sehen, formen.“
Paul Valéry
„Das Paradox aller Malerei ist, dass sie den Betrachter in ihren Innenraum einlädt, damit er von dort aus die Welt betrachten kann.“
John Berger, Das Sichtbare und das Verborgene, 1990
Reisen inspiriert.
Lesen als eine abstrahierte Art des Reisens ebenso.
Beides ist dem Sammeln, dem Sammeln von Eindrücken überantwortet.
Reisen, Lesen, Sammeln - unverzichtbare Parameter auch für Joachim Kersten.
Immer mit dem Fotoapparat unterwegs, fängt der Maler Landschaften, Formationen, Fragmente ein, bannt diese in sein „fotografisches Skizzenbuch“ und lässt daraus seine Farb- und Formideen entstehen.
Bereits mit dem Werkzyklus der „Honigsucher“ (1999) kündigt sich im künstlerischen Schaffen Joachim Kerstens eine deutliche Erweiterung der Farbpalette an, die die neue Werkgruppe der „Labyrinthe“ durchgehend beherrscht und die mit dem überformatigen Schlüsselbild, dem ersten dieser Serie (2003) zum Durchbruch gekommen ist. Waren die früheren Bilder einer fast klassischen Ruhe verschrieben, so hat in den aktuellen Kompositionen eine forsche fast provokative Farbigkeit das Strenge, Herbe und Kantige in überwiegend gedeckten Farben der früheren Bilder zurückgedrängt. Spürbar wird eine pulsierende Kraft, entsprechend der Intension des Künstlers mit seinen Bildern „Wirkungen und Energien zu transportieren“, Empfindungen sichtbar und das Leuchten der Landschaften (z. B. des Südens in den USA ) spürbar zu machen.
Dabei blieb der Bildaufbau grundsätzlich bestehen: der präparierte Untergrund in vielschichtiger Tektonik, der individuell bearbeitete mehrfach übermalte Bildträger mit den Landschaft gebenden Konstruktionslinien, die horizontale Einteilung des Formats und die abgestimmten Farbflächen sind immer noch Basis jeder Arbeit. Verändert hat sich der Klang, der Farbklang und der Formenkanon der Bilder.
Charakteristisch ist jetzt die Betonung der Bildelemente, das überlagernde System von Kreis, Oval und weiteren organisch anmutenden Gebilden und dessen Zusammenspiel. Auch die immer wiederkehrenden kleinen Chiffren und malerischen Schwünge erhalten neue Qualität, nehmen als Kürzel für die Wirklichkeit Verweischarakter auf, wirken wie figurative Anmerkungen oder abstrahierte Gedanken.
Insbesondere die jüngsten Arbeiten der Werkgruppe der Labyrinthe im extremen Querformat (2005) setzen eine neue Dynamik frei. Die Elemente beherrschen das Bild und zugleich scheinen diese von den umliegenden und darunter liegenden Farbenergien bestimmt und mit ihnen verwoben zu sein. Ovale, teils flach gestauchte Körper ziehen wie eigenständige Organismen von Seitenrand zu Seitenrand, geben eine lebendige Horizontalbewegung und besetzen die gesamte Bildfläche wie Moleküle eine Leiterbahn, ein Reagenzglas oder eine „Geschwindigkeitsröhre“, wie der Künstler es selbst beschreibt.
Parallel zu der Werkgruppe der „Labyrinthe“ sind in den letzten Jahren kleinere Papierarbeiten entstanden, die wie Vorstudien gesehen werden können und unter dem Titel „Hierarchien“ zusammengefaßt sind. Anstoß hierzu bekam der Künstler durch die Lektüre einiger Schriften des Mystikers Jacob Böhme, dessen philosophischer Ansatz in der symbolischen Deutung aller realen Erfahrungen als dem innersten Grund des Seins begründet ist, aber auch durch dessen Anschauungen zu den vier Grundelementen Wasser, Feuer, Luft und Erde, deren Zusammenspiel Böhme in einer hierarchischen Ordnung fast.
In diesen Papierarbeiten kündigt sich bereits an, wie jedes „Teilchen“, jedes Kreis- bzw. Zeichenelement seinem vom Künstler gesetzten Prinzip folgt und demnach stabilisierend oder destabilisierend in der weit entwickelten Farbendiziplin wirkt. Wie eine Armada fliegender Scheiben oder auch wie Löcher in einer Membran formieren sich die überlagernden Ebenen. Farbe, Material, Raum. Formgebend und farbbestimmend auch hier die delikat abgemischte Farbpalette, teils dominant wenn sich leuchtendes Gold oder sattes Pink einmischt, meist aber „nachbarschaftlich“ neben- und aneinandergepackt, auffallend bunt und lebhaft, selten knallig und aufdringlich, immer auch ausgeweitet mit narrativ apostrophierten Raumstrukturen oder schrundig, schroffe Oberflächen erzeugenden Materialitäten wie Schellack oder Strahlsand.
Ganz anders, nämlich wie die Focusierung auf eine dieser Ebenen wirken da die kompakten kleinformatigen Diptychen, modulhaft der Untersuchung von Materialität und Farbe unterstellt.
Hier sind die Fragmente von Eindrücken aus dem „fotografischen Skizzenbuch“ umgeformt und reduziert zu geometrischen Wandobjekten, zu bemalten Schranken, stabförmigen Barren oder monochromen Farbflächengebilden, die ihrerseits Räumliches definieren und damit streng, klar aber auch verbindlich erscheinen lassen.
Im Spektrum der aufgefächerten Fundstücke aus dem „Reise- und Lesegepäck“ von Joachim Kersten aber auch im Sprechen mit dem Künstler über seine Arbeit stößt man immer wieder auf Termini, die dem medizinischen, dem physiologischen Bereich zuzuordnen sind: Moleküle, Organismus, Zirkulation, Anballung im Reagenzglas und nicht zuletzt der Titel des Buches „Digitalis purpurea“ – der Fingerhut, also die Heilpflanze zur Gewinnung eines Herzmittels.
In Joachim Kerstens Malerei überlagern sich alltägliche Eindrücke und minimalistische Poesie. Damit wird einmal mehr deutlich, dass es dem Künstler in seinen Bildern bei aller Vielschichtigkeit um innere Balance im Gegensatz zu vordergründiger Harmonie geht.
Und insbesondere in seinen jüngsten Bildern gelingt es ihm, seine Kompositionen zu Meditationen über das Pulsieren des Lebens zu verdichten.
Text: Petra Weigle, Nürnberg, 2006
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Wenn im Hochsommer der Rote Fingerhut in Lichtungen, an Waldrändern oder kultiviert, auch in Gärten blüht, faszinieren die hochwachsenden Blumen wegen ihrer üppigen Blütentrauben nicht nur die Kenner der heimischen Flora. Doch beim Anblick der außergewöhnlichen Pflanzen schwingt immer das Wissen um ihren janusköpfigen Charakter mit. Digitalis purpurea ist ein toxisches Gewächs und somit Gift- aber auch Heilpflanze, denn ihre Wirkung steht in direkter Abhängigkeit zur Dosierung.
Der im bayerischen Nürnberg und texanischen Fort Worth lebende und arbeitende Künstler Joachim Kersten hat den botanischen Namen des Roten Fingerhuts als Titel für seine Ausstellungssequenz gewählt, in der Arbeiten aus verschiedenen Werkgruppen der letzten Jahre gezeigt werden. Wie weit die Ambivalenz der Natur hier die Brücke zu den künstlerischen Arbeiten schlägt, der Titel der Ausstellung eine Allegorie für die Intention der gezeigten Objekte ist, mag die Auseinandersetzung mit ihnen und die daraus resultierende Wechselwirkung zeigen.
Die Ausstellungsreihe nimmt ihren Auftakt in Schweinfurt, das nicht nur auf Grund seines ehemaligen reichsstädtischen Status historisch mit Nürnberg verbunden ist. Ich freue mich, dass zu Beginn des kommenden Jahres die Ausstellung dann auch im Schloss Almoshof gezeigt werden kann. Dieser Ausstellungsort wird der Renaissancehalle des Alten Rathauses in Schweinfurt nicht nachstehen.
Dass - nach der Ausstellung in Coburg - die nächsten beiden Stationen des Ausstellungszyklus in den Vereinigten Staaten von Amerika liegen, ist eine herausragende Besonderheit. In Fort Worth, dem Wahlheimatort des Künstlers, und in Atlanta, der Partnerstadt Nürnbergs, werden die Arbeiten von Joachim Kersten im Anschluss zu sehen sein. Damit wird der Künstler und seine Exponate zum Botschafter unserer Stadt. Gerade ein solcher Austausch wird sicher stellen, dass der kulturelle Austausch mit unserer Partnerstadt hierdurch einen deutlichen Akzent erhält.
Ich danke Joachim Kersten für seine Funktion als Kulturbotschafter ebenso wie allen anderen vor unter hinter den Kulissen, die sowohl in unserem Land wie auch in den USA diese Präsentationen bewerkstelligen. Der Ausstellungsreihe selbst wünsche ich die ihr gebührenden Resonanz beim Publikum.
Prof. Dr. Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, 2006